Jul 30

Ein Einhorn geht ins Restaurant und bestellt ein Salatbrötchen. Der Kellner will ihm keins bringen. Verblüfft will das Fabelwesen wissen, wieso sein Wunsch verweigert wird. Der Kellner verweist auf die unpassende Abendgarderobe. Das Einhorn blickt an sich herab und stellt erschrocken fest, dass es immer noch den Trainingsanzug an hat. Ein fremder Mann kommt hinzu. Er bietet seinen Regenmantel an um den Anzug zu verdecken, aber der Kellner meint, dass das auch nicht passend wäre. Das Einhorn verlässt empört das Lokal und einige Leute schließen sich aus Solidarität an. „Was sollen wir jetzt machen?“, fragt der Mann der dem Einhorn den Regenmantel leihen wollte. „Wir stürzen die Bourgeoisie!“, schreit eine Frau und feuert mit ihrem Revolver in die Luft. Der Mann wundert sich: „Die Bourgeoisie, sind wir das nicht selbst?“ Aber niemand beachtet ihn. Alle rennen dem Einhorn und der Frau hinterher und beginnen wild das Stadtviertel zu plündern und Autos anzuzünden.

 

Jul 13

Es war schon später Nachmittag, als die drei Holzfäller Bob, Johnny und Pierre das Holz für den nächsten Tag auf schichteten und darauf warteten, dass Cliff mit dem Laster kam, um sie abzuholen.
„Ich freu’ mich schon auf die Pfannkuchen und die ordentliche Portion Ahornsirup, die ich mir gleich genehmigen werde“, meinte Bob.
„Du meinst wohl eher den Whisky!“ ergänzte Johnny und die drei lachten.
Als Bob gerade seine Kettensäge aufhob, sah er plötzlich etwas Merkwürdiges. Aus dem nahen Wald kam eine behaarte Gestalt auf sie zugerannt und fuchtelte wild mit den Armen. Bob fixierte sie eine Weile und sagte dann: „Jungs, seht mal, ich glaub da vorne ist der Sasquatch!“
„So ein Blödsinn“, meinte Johnny. Pierre hob seine Axt auf und stellte sich neben Bob. Als die beiden Holzfäller wie gebannt auf den Waldrand starrten, kam auch Johnny dazu.
„Scheiße, ihr habt Recht. Und das wo wir heute kein Gewehr dabei haben“, sagte er und griff ebenfalls nach seiner Axt.
Die drei Männer blickten schweigend auf den schnell näher kommenden Bigfoot und umklammerten ihre Waffen. Der Bigfoot sah grauenerregend aus. Den Holzfällern rutschte ihr Herz in die Hose. Doch schlimmer als sein heruntergekommenes Aussehen war sein markerschütternder Schrei: „Jungs, isch bin’s!“
„Verschwinde Bigfoot, sonst spalten wir dir den Schädel!“ brüllte Bob zurück.
Der Sasquatch hielt entsetzt inne. „Aber Jungs, erkennt ihr misch denn nischt? Isch bin’s euer alter Kumpel!“ rief er ihnen zu und zeigte mit beiden Händen auf sein Gesicht.
„Du bist nichts weiter, als ein hässlicher Bigfoot!“ schrie Johnny. „Troll dich zurück in deinen Wald, sonst kannst du was erleben!“
Doch der Sasquatch ließ nicht locker: „’ey Leute, isch bin’s, Pierre euer Kollege. Der richtige Bigfoot steht genau neben euch!“
Die beiden anderen Holzfäller blickten auf den echten Pierre und musterten ihn gründlich. Ein bisschen stark behaart und etwas zu groß war er ja schon. Sogar im Vergleich zu dem Bigfoot, aber es war unverwechselbar ihr Pierre.
Der Bigfoot rief weiter: „’ört mir zu: Der Bigfoot hat misch vor einem Monat überfallen, meine Sachen geklaut und misch im Wald liegen lassen. Ihr müsst doch sehen, dass er kein Mensch ist. Außerdem kann er doch kein Wort sprechen“
„Was meinst du denn dazu, Pierre?“ fragte Johnny ihn. Pierre zuckte mit den Schultern.
„Du hast ja ein Rad ab!“ schrie Bob den Sasquatch an.

Der Bigfoot in seiner Küche

Aber dieser antwortete: „Seht ihr denn nischt, dass er braune ’aare ’at. Isch ’abe schwarze ’aare. Außerdem ’at er Fell auf den ’änden.“
„Langweilig!“ spottete Johnny und hustete in seine Handfläche.
„Also gut“, rief der Bigfoot und drehte den Holzfällern sein Hinterteil zu, „seht ihr das Muttermal auf meinem ’intern? Es ’at die Form von Arkansas und ihr ’abt misch unter der Dusche immer damit aufgezogen!“
Bob drehte sich mit der Kettensäge zu Pierre. „Lass doch mal deine Hose runter, Pierre“, befahl er. Pierre ließ seine Hose runter und entblößte seinen überaus stark behaarten Hintern.
Johnny starrte ihm auf den Arsch. „Mm, da ist auch ein Muttermal“, meinte er, „aber es hat die Form von Uganda!“
„Ok, Pierre, du hast recht! Wir haben dir unrecht getan“, rief Bob nun an seinem echten Kollegen gewannt. Pierre hüpfte vor Freude in die Luft. Dann lief er glücklich über die Strasse auf sie zu, während die anderen den Bigfoot in Pierres Sachen im Auge behielten, der noch immer mit heruntergelassenen Hosen da stand.
In diesem Moment kam ein großer Laster um die Kurve gebrettert. Pierre blieb erschrocken im Lichtkegel des LKWs auf der Strasse stehen und wurde krachend über den Haufen gefahren. Der Laster bremste. Cliff kurbelte das Fenster runter. „Da habt ihr ja noch mal Glück gehabt. Um ein Haar hätte sich dieser verdammte Sasquatch von hinten an euch ran geschlichen“, meinte er und blickte sie an. „Warum hat Pierre denn seine Hose runtergelassen? Wolltet ihr noch mal sein Arkansasmuttermal sehen?“
Die Holzfäller schauten betroffen auf die Leiche, die der Laster hinterlassen hatte und sahen sich fragend an. Dann zuckte Pierre mit den Schultern. Die anderen taten es ihm nach und er zog sich die Hose wieder hoch.
„Nee, wir haben uns geeinigt, dass es doch eher wie Uganda aussieht“, erklärte Bob, als die drei zu Cliff in den Wagen stiegen.

 

Jun 11

Herman rief am Frühstückstisch, als er in der Zeitung las, plötzlich laut: „Das gibt es doch nicht!“
Fragend sah ihn seine Frau Paulina an, während sie in ein Marmeladenbrot biss. Herman polterte weiter: „Stell dir vor, man hat das Ungeheuer von Loch Ness entdeckt!“
Seine Frau erwiderte: „Aber Schatz, neulich haben wir doch vormittags im Fernsehen eine Dokumentation darüber gesehen, dass es in Loch Ness gar nicht genug Nahrung gibt, um ein Wesen zu ernähren, das größer als zwei Meter ist.“
„Das weiß ich selber. Aber weißt du was diese Zeitungsfritzen schreiben, wovon es sich ernährt?“
„Nein“, gab Paulina zurück, „woher sollte ich auch, du hast ja die Zeitung.“
Herman sagte: „Also, hier steht, dass sich das Ungeheuer über Jahre von Reportern, Ungeheuerforschern und Biologen ernährt hat.“
Die Beiden blickten sich eine Weile an, bis Herman wieder ansetzte: „Also, das gibt es doch nicht. Manchmal denke ich echt, dass man sich das Geld für die Zeitung sparen kann und lieber den ganzen Tag fernsehen sollte. Da wird man wenigstens nicht andauernd falsch informiert.“
Paulina dachte nach und sagte dann: „Aber vielleicht lügen ja auch die Leute vom Fernsehen und die Zeitungsredaktion hat recht.“
„Herrje, heutzutage weiß man ja gar nicht mehr, wem man überhaupt noch glauben darf. Da könnten wir ja gleich wieder in die Kirche gehen“, antwortete ihr Lebensgefährte.
Doch Herman wollte es genau wissen. Diesmal würden sie den Sommer nicht auf Mallorca verbringen. Stattdessen flogen sie mit einem Billigflieger direkt ans Loch Ness um sich zwei Wochen lang vollregnen zu lassen. Sie saßen jeden Tag in ihren Campingstühlen im Zelteingang und starrten auf das Wasser des Sees, aber nichts geschah. „Da hätten wir ja besser zu Hause bleiben können“, nörgelte Paulina am letzten Tag.

Herman stand auf, zog seine Regenjacke an und ging noch einmal los um das Ungeheuer vielleicht doch noch zu erspähen. Als er den See entlang wanderte und seinen Gedanken nachhing, rutschte er plötzlich auf dem nassen Gras aus, fiel durch einen von Gestrüpp verdeckten Spalt und landete in einer großen Höhle. Dort stand auf einem Stein eine handelsübliche Gaslaterne, die das Gewölbe erhellte und den Blick auf eine eigentümliche Riesenschlange ermöglichte. Sie war weiß-rot geringelt, hatte ein lustiges rundes Gesicht und fragte Herman: „Hast du dich verletzt?“
Erst jetzt bemerkte Herman, dass sein rechtes Bein mindestens einmal gebrochen war. Doch er ignorierte den aufkommenden Schmerz und fragte: „Bist du das Ungeheuer von Loch Ness?“
„Was denkst du denn?“, antwortete die Schlange.
„Gibt es hier noch mehr Ungeheuer?“, fragte Herman weiter.
„Nein, ich bin sozusagen ein Unikat“, antwortete das Ungeheuer geduldig.
„Aber wie bist du hier her gekommen, warum bist du alleine und wovon ernährst du dich?“, schoss es aus Herman hervor.
„Also,“ sagte das Ungeheuer, „als Gott die Erde schuf…“
„Was, Gott schuf die Erde?!“, unterbrach Herman.
„Wer erzählt denn diese Geschichte? Du oder ich?“, gab das Ungetüm zurück.
„’tschuldigung“, sagte Herman und die Riesenschlange fuhr fort:
„Also,“ als Gott die Erde schuf, vergaß er einmal seine Schuhe im Himmel und als er durch Schottland lief, blieb er mit einem Fuß hier im See stecken. Dabei verlor er seine Socke.“
„Was? Du bist eine riesige Socke?“, unterbrach sie Herman noch einmal.
„Ja und?!“, gab sie gereizt zurück, „Dafür bist du nur ein Haufen Lehm.“
„Ja, aber wovon ernährst du dich nun?“, wollte Herman wissen.
„Na hallo! Ich sagte gerade ich sei eine Socke. Seit wann müssen sich Socken denn ernähren?“, sagte die Socke.
„Aber du kannst doch auch reden!“, konterte der Besucher.
„Nein, das ist Telepathie“, erwiderte sie.
„Mir doch egal. Mit mir hat jedenfalls noch nie eine Socke telepathisch Kontakt aufgenommen!“, sagte Herman.
Doch die Socke hatte sofort eine Antwort parat: „Erstens bin ich ja auch eine ganz besondere Socke und zweitens wundert mich das nicht, bei deinen Käsefüßen.“
In diesem Moment wurde Herman schwindelig, da der Schmerz in seinem Bein plötzlich anschwoll. Er schloss die Augen.
Als er sie wieder öffnete lag er in einem Krankenhaus und sein rechtes Bein war eingegipst.
Neben ihm stand Paulina und sagte: „Herman! Du bist in eine Felsspalte gefallen, man hat dich mit einem Hubschrauber geborgen weil dein Bein gebrochen ist. Aber das Eigenartigste war, dass die Rettungssanitäter nach dem Sturz deine rechte Socke nicht finden konnten!“

 

Jun 11

Nachdem ich eines Morgens aufgestanden war, meine Freundin war schon zu ihrer Arbeitsstelle gefahren, ging ich mit meinem Morgenmantel in die Küche um zu frühstücken. Ich schaute zufällig aus dem Fenster in den Garten und sah, dass in unserem kleinen Gemüsebeet ein Pferd stand. Ich wartete bis mein Kakao heiß war und zog meine Schlappen an. Mit der Tasse in der Hand ging ich in den Garten und betrachtete das Geschehen. Das Pferd war weiß und hatte ein Horn auf der Stirn. Es aß genüsslich an einem Kohlkopf und bemerkte mich anscheinend nicht.
Ich räusperte mich. Das Pferd sah auf und sagte: „Oh, Entschuldigung, ist das ihr Feld?“
„Äh ja“, antwortete ich verdutzt. Eigentlich wollte ich noch die Zeitung lesen, aber ein sprechender Gaul war natürlich interessanter.
„Sind sie jetzt böse, dass ich ihre Kohlköpfe weggefuttert habe?“, fragte es mich.
„Nein, ich mach’ mir eigentlich nichts aus Grünzeug, aber meine Freundin ist Vegetarierin“, antwortete ich.
Darauf sagte es: „Na dann ist es ja halb so wild. Darf ich vielleicht noch ein bisschen?“
„Nur zu, dann hab’ ich einen Vorwand mal wieder mit meiner Freundin essen zu gehen und muss nicht mehr dieses Gemüse ertragen“, sagte ich, während ich an meiner Tasse nippte. „Wo haben Sie eigentlich sprechen gelernt?“, fragte ich, „Schließlich findet man nicht jeden Tag ein sprechendes Pferd im Garten.“
„Einhorn“, verbesserte mich das Pferd.
„Meinetwegen“, gab ich zurück, „also wo lernt man denn als Einhorn sprechen?“
„Wo hast du denn sprechen gelernt?“, entgegnete das Fabeltier.
„Von meinen Eltern natürlich“, erwiderte ich.
„Dito“, sagte das Einhorn.
Ich schwieg. Worüber sollte ich auch mit diesem Einhorn sprechen? Ich habe mir niemals Gedanken darüber gemacht, was man sich so zu sagen hat, wenn man ein Einhorn trifft. Eigentlich wusste ich nicht einmal was ein Einhorn überhaupt für eine Funktion hatte. Vielleicht Geschenke verteilen, einen Schatz bewachen, einfach Löcher in die Luft stechen oder doch nur unser Gemüse weg futtern?
Eine Zeit lang schaute ich ihm beim Essen zu. Dann schweifte mein Blick durch die Gegend. Der Mond war zu sehen obwohl es hell war. Das Einhorn hatte mittlerweile fast das gesamte Beet leer gegessen und musterte mich schmatzend. Es schluckte und sagte: „Da ich Hüter vieler Geheimnisse bin, die der Mensch schon längst vergessen hat und mich für deine Gastfreundschaft erkenntlich zeigen möchte, werde ich dir eine Frage beantworten, ganz egal um welche es sich handelt. Aber überlege gut was du wissen willst, sonst ärgerst du dich, wenn dir später eine Frage einfällt, die noch interessanter ist.“
Ich fing an zu überlegen was ich schon immer mal wissen wollte. Die erste Frage die mir in den Sinn kam war: Wie schmeckt eigentlich Einhornfleisch? Doch dann dachte ich mir, wenn ich es wüsste, was sollte ich dann damit anfangen? Was sollte ich mir also zu wissen wünschen? Wie ich unermesslich reich würde? Wie sie im Fernsehen den Piepton über Flüche legen können, obwohl es eine Livesendung ist? Gibt es einen Gott? Wie werde ich berühmt? Wie ich kann soviel Sex haben wie ich will? Warum gehen Frauen immer zusammen auf die Toilette? Ich wusste es nicht. Ich schwankte zwischen Reichtum und Sex. Ich wollte mich gerade für Reichtum entscheiden, den Sex könnte man dann ja einfach kaufen, da fiel mir die Frage ein: „Wie lernt man zaubern?“ Mit diesem Wissen könnte ich mir einfach alles andere herzaubern, doch ich dachte wiederum an die Alchemisten, die es bis heute nicht geschafft hatten Gold zu machen und verwarf es. Einen Moment überlegte ich das Einhorn zu fragen, was ich fragen könnte, aber auch das verwarf ich.
Ich schweifte abermals ab. Ich konnte mich einfach nicht richtig konzentrieren.
Doch dann hörte ich wie eine Frage aus meinem Mund kam, die ich bis heute bereue: „Ist der Mond eigentlich wirklich aus Käse?“
Das Einhorn hob den Kopf und starrte den Mond an. Nun überlegte es einen Moment und sagte dann: „Nee, das kann ich mir nicht vorstellen.“ Mit diesen Worten lief es los und sprang über die Hecke in den Nachbargarten.
Ich meldete mich bei der Arbeit krank und grübelte den ganzen Tag darüber nach, was ich hätte fragen können. Abends kam meine Freundin nach Hause und fand mich grübelnd in der Küche. „Magst du eigentlich Käse?“ fragte ich.
„Nein“, erwiderte sie.

„Dann habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für dich. Die gute: Der Mond ist überhaupt nicht aus Käse.“
„Und die schlechte?“, fragte sie verwundert.
„Geh besser nicht in den Garten.“