Nachdem ich eines Morgens aufgestanden war, meine Freundin war schon zu ihrer Arbeitsstelle gefahren, ging ich mit meinem Morgenmantel in die Küche um zu frühstücken. Ich schaute zufällig aus dem Fenster in den Garten und sah, dass in unserem kleinen Gemüsebeet ein Pferd stand. Ich wartete bis mein Kakao heiß war und zog meine Schlappen an. Mit der Tasse in der Hand ging ich in den Garten und betrachtete das Geschehen. Das Pferd war weiß und hatte ein Horn auf der Stirn. Es aß genüsslich an einem Kohlkopf und bemerkte mich anscheinend nicht.
Ich räusperte mich. Das Pferd sah auf und sagte: „Oh, Entschuldigung, ist das ihr Feld?“
„Äh ja“, antwortete ich verdutzt. Eigentlich wollte ich noch die Zeitung lesen, aber ein sprechender Gaul war natürlich interessanter.
„Sind sie jetzt böse, dass ich ihre Kohlköpfe weggefuttert habe?“, fragte es mich.
„Nein, ich mach’ mir eigentlich nichts aus Grünzeug, aber meine Freundin ist Vegetarierin“, antwortete ich.
Darauf sagte es: „Na dann ist es ja halb so wild. Darf ich vielleicht noch ein bisschen?“
„Nur zu, dann hab’ ich einen Vorwand mal wieder mit meiner Freundin essen zu gehen und muss nicht mehr dieses Gemüse ertragen“, sagte ich, während ich an meiner Tasse nippte. „Wo haben Sie eigentlich sprechen gelernt?“, fragte ich, „Schließlich findet man nicht jeden Tag ein sprechendes Pferd im Garten.“
„Einhorn“, verbesserte mich das Pferd.
„Meinetwegen“, gab ich zurück, „also wo lernt man denn als Einhorn sprechen?“
„Wo hast du denn sprechen gelernt?“, entgegnete das Fabeltier.
„Von meinen Eltern natürlich“, erwiderte ich.
„Dito“, sagte das Einhorn.
Ich schwieg. Worüber sollte ich auch mit diesem Einhorn sprechen? Ich habe mir niemals Gedanken darüber gemacht, was man sich so zu sagen hat, wenn man ein Einhorn trifft. Eigentlich wusste ich nicht einmal was ein Einhorn überhaupt für eine Funktion hatte. Vielleicht Geschenke verteilen, einen Schatz bewachen, einfach Löcher in die Luft stechen oder doch nur unser Gemüse weg futtern?
Eine Zeit lang schaute ich ihm beim Essen zu. Dann schweifte mein Blick durch die Gegend. Der Mond war zu sehen obwohl es hell war. Das Einhorn hatte mittlerweile fast das gesamte Beet leer gegessen und musterte mich schmatzend. Es schluckte und sagte: „Da ich Hüter vieler Geheimnisse bin, die der Mensch schon längst vergessen hat und mich für deine Gastfreundschaft erkenntlich zeigen möchte, werde ich dir eine Frage beantworten, ganz egal um welche es sich handelt. Aber überlege gut was du wissen willst, sonst ärgerst du dich, wenn dir später eine Frage einfällt, die noch interessanter ist.“
Ich fing an zu überlegen was ich schon immer mal wissen wollte. Die erste Frage die mir in den Sinn kam war: Wie schmeckt eigentlich Einhornfleisch? Doch dann dachte ich mir, wenn ich es wüsste, was sollte ich dann damit anfangen? Was sollte ich mir also zu wissen wünschen? Wie ich unermesslich reich würde? Wie sie im Fernsehen den Piepton über Flüche legen können, obwohl es eine Livesendung ist? Gibt es einen Gott? Wie werde ich berühmt? Wie ich kann soviel Sex haben wie ich will? Warum gehen Frauen immer zusammen auf die Toilette? Ich wusste es nicht. Ich schwankte zwischen Reichtum und Sex. Ich wollte mich gerade für Reichtum entscheiden, den Sex könnte man dann ja einfach kaufen, da fiel mir die Frage ein: „Wie lernt man zaubern?“ Mit diesem Wissen könnte ich mir einfach alles andere herzaubern, doch ich dachte wiederum an die Alchemisten, die es bis heute nicht geschafft hatten Gold zu machen und verwarf es. Einen Moment überlegte ich das Einhorn zu fragen, was ich fragen könnte, aber auch das verwarf ich.
Ich schweifte abermals ab. Ich konnte mich einfach nicht richtig konzentrieren.
Doch dann hörte ich wie eine Frage aus meinem Mund kam, die ich bis heute bereue: „Ist der Mond eigentlich wirklich aus Käse?“
Das Einhorn hob den Kopf und starrte den Mond an. Nun überlegte es einen Moment und sagte dann: „Nee, das kann ich mir nicht vorstellen.“ Mit diesen Worten lief es los und sprang über die Hecke in den Nachbargarten.
Ich meldete mich bei der Arbeit krank und grübelte den ganzen Tag darüber nach, was ich hätte fragen können. Abends kam meine Freundin nach Hause und fand mich grübelnd in der Küche. „Magst du eigentlich Käse?“ fragte ich.
„Nein“, erwiderte sie.
„Dann habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für dich. Die gute: Der Mond ist überhaupt nicht aus Käse.“
„Und die schlechte?“, fragte sie verwundert.
„Geh besser nicht in den Garten.“