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Die Fahrstunde
Krischna kam mit einem alten Hollandrad angegurkt. Jesus begrüßte ihn mit
Handschlag.
„Wo hast du denn das olle Ding her?“, fragte Jesus.
„Das hab ich mir am Bahnhof organisiert“, sagte Krischna ohne mit der Wimper zu zucken.
„Da wird aber jemand schlechtes Karma bekommen“, witzelte Jesus.
Doch sein Kumpel fand das gar nicht so lustig. „Ich hab ja nicht gesagt, dass
ich es nicht zurück bringen werde“, entgegnete er gereizt.
„Huhu!“, machte Jesus und zog eine Grimasse. „Krischna bringt mal was zurück.
Haben wir jetzt etwa die Woche der guten Taten?“
„Ich bin wenigstens nicht übers Wasser abgehauen, um mich vor der Rechnung für
das Abendmahl zu drücken“, meinte der Inder auftrumpfend.
Doch jetzt fand auch Jesus das nicht mehr lustig: „Wo ist denn dein Fahrradhelm?“
„Fahrradhelm? Du hast wohl zu lange am Kreuz gehangen. Ich mach mir doch die
Frisur nicht mit so ’nem Teil kaputt. Ist mir egal, ob das Gesetz ist oder
nicht“, antwortete Krischna trotzig.
„Na in den Himmel kommst du so sicher nicht“, sagte Jesus.
Krischna wollte gerade etwas erwidern, doch in diesem Moment kam der Fahrschulwagen
angefahren. Aus diesem Grund schob er das geklaute Rad schnell zu Jesus, damit
der Lehrer nicht merkte, dass er ohne Helm gefahren war.
Der Fahrlehrer stieg aus und begrüßte die beiden, dann setzte er sich auf den
Beifahrersitz. Krischna nahm den Fahrersitz in Beschlag und Jesus, der nur dabei
war um moralischen Beistand zu leisten, nahm auf der Rückbank Platz. „Spiegel,
Blinker setzten, Schulterblick“, sagte Herr Bummler.
Krischna trat aufs Gas und ließ die Kupplung mit einem Satz kommen, so
dass das
Auto mit einem Ruck losfuhr. Sofort stürzte er sich ins Getümmel. Herr Bummler
rief: „He, wo haben sie denn Autofahren gelernt, Herr Vischnuson, in Kalkutta
oder was?“
„Äh - ja“, gab Krischna zurück.
„Vischnuson?“, murmelte Jesus fragend.
„Was dachten sie denn, Herr Christus? Dass ich keinen Nachnamen habe?“, verteidigte
sich Krischna.
„Blinker, Blinker!“, rief Herr Bummler dazwischen. Der LKW hinter ihnen hupte.
Krischna hupte zurück. „Nein, nicht hupen!“, rief der Fahrlehrer.
„Herrje, Sie machen so viele Dinge auf einmal, als ob sie vier Arme hätten,
da
komm ich gar nicht mit dem Gucken hinterher“, stellte der Fahrlehrer fest, während
er versuchte Krischna abermals vom Hupen abzuhalten, wobei dieser das Fenster
runtergekurbelt hatte um jemandem aus dem Gegenverkehr den Mittelfinger zu zeigen
und gleichzeitig elegant einen BMW ausbremste. Herr Bummler raufte sich die Haare.
Jesus bemerkte: „Sie machen Fortschritte Herr Vischnuson, wir bekommen Ihren
deutschen Führerschein sicher schon in ein paar Jahren.“
„Danke, Herr Christus“, antwortete der Angesprochene, während er mit dem Fahrlehrer
um die Kontrolle des Lenkrads stritt, weil er trotz starken Gegenverkehrs zum
Überholen angesetzt hatte.
Als der völlig überforderte Fahrlehrer es nicht mehr schaffte zu bremsen,
weil
Krischna einer hübschen dunkelhäutigen Frau zuwinkte, dabei laut hupte und
die Kinder auf dem Zebrastreifen aus dem Weg springen mussten, schrie er laut: „Oh
Gott!“
„Ja was ist denn?“, antworteten Krischna und Jesus sofort im Chor.
„Ist doch niemand verletzt!“, sagte Jesus, der durch die Heckscheibe lugte.
„Meine Nerven“, seufzte Herr Bummler und hielt sich die Augen zu.
„Da vorne ist ein Drive-in. Ich spendier Ihnen jetzt erst mal einen Kaffee“,
meinte Krischna, zog das Lenkrad mit einem Ruck nach links und fuhr durch den
bewachsenen
Mittelstreifen und zwei Spuren quer über die Gegenfahrbahn.
Jesus bestellte ein Kindermenü mit Spielzeug und Krischna einen vegetarischen
Hamburger. Den Kaffee stellten sie dem Fahrlehrer in den Becherhalter und fuhren
weiter.
Als die Fahrstunde zu Ende war, stellten Krischna und Jesus erstaunt fest, dass Herr Bummler so gut wie gar nicht mehr gemeckert hatte.
„Immerhin hat er seinen Kaffee getrunken“, sagte Herr Vischnuson zufrieden.
„Nein, ich glaube, der ist ihm aufs Hemd gespritzt, als du die Abkürzung durch
den Vorgarten genommen hast“, meinte Jesus.
Krischna schüttelte Herrn Bummler an der Schulter. „Du, weißt du was?“,
sagte er, „Ich glaube er ist tot!“
„Ach, was!“, entgegnete Jesus: „Der ist nicht tot. Der stellt sich bloß einer elektroenzephalografischen Herausforderung.“
„Nee, jetzt mal ernsthaft“, sagte sein Freund, der keinen Puls bei dem Fahrlehrer finden konnte. „Darüber macht man keine Witze.“
Jesus stieß ein bedauerndes „Oh jemine!“ aus.
Da fragte ihn der Inder: „Sag mal, kannst du eigentlich immer noch Leute von den Toten auferwecken?“
Jesus seufzte: „Ja schon, aber das ist immer so anstrengend und ich wollte mir die Energie lieber für unsere Band aufheben. Kannst du dir nicht einfach einen neuen Fahrlehrer suchen?“
„Ach, komm mach schon“, forderte Krischna ihn auf. „Ich hatte mich gerade so
an ihn gewöhnt.“
„Na gut, weil du es bist“, seufzte Christus und legte dem Mann die Hände auf
den Kopf und schloss seine Augen.
Sofort machte Herr Bummler seine wieder auf.
„Am Ende war es doch ganz ok, oder?“ fragte Krischna ihn.
„Ja, ja, sie machen Fortschritte“, antwortete der wiederbelebte Fahrlehrer etwas benommen.
Die beiden Götter stiegen aus. Krischna klopfte Jesus auf die Schulter und fragte: „Und
wann machst du deinen Lappen?“
Jesus nuschelte: „Och, kein Geld. Außerdem würde ich eh viel lieber Motorrad
fahren.“
Der Fahrlehrer blickte ihn aus dem Fenster an und sagte: „Dann gewöhnen
Sie sich
lieber an, beim Fahrradfahren einen Helm zu tragen. Mir entgeht nämlich
nichts,
wissen Sie?!“

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